(...) Sie blickt zur Uhr hinauf, die oberhalb des gerahmten Klecksbildes tickt. ihr bleiben noch ungefähr fünf Freiheitsminuten. Sie spürt, wie sie nun doch langsam nervös wird, dass hätte sie nicht von sich gedacht. (...)
Sie blättert darin. nur wenige Seiten sind mit notizen gefüllt, ein grossteil des heftes ist leer. Sie könnte es für ihr eigenes Schreiben benützen. wieso eigentlich nicht, (...)
«Ich weiss nicht», beginnt sie zögernd, «ich weiss nicht, ob man es stehlen nennen kann ...Es ist mehr ...eine Art... Sammeln.»
«Ah! Vous lisez ça?», durchbricht eine Stimme ihre Gedanken. «C`est certainement un des plus beaux romans que j`ai lu récemment.»
(...) Getroffen hätten sich die beiden hier in Biel im Café La Rotonde. Meine Mutter War allein an einem der Tische und trank etwas, (...)
«Hören Sie junge Dame, diese Frau da hinter uns und dieses Kind ... da stimmt was nicht. Das ist gar nicht das Kind dieser Frau, das hat die nur entführt.»
Maus schweigt und staunt. Über solche Dinge würde sie nachher wieder nachdenken und schreiben müssen, das ist ihr jetzt schon klar.
(...) die zwei winzigen goldenen Ohrstecker ihrer verstorbenen Grossmutter, Mias kleine Kompaktkamera, Nadines rote Handschuhe, Tante Heriettes Lieblingskette mit den farbigen Glasperlen, ein Foto von Onkel Paul aus jüngeren Tagen. Das sind die einzigen Dinge, deren Besitzer sie kennt. Sonst ist da nichts. Nichts, was sonst in irgendeiner Form besonders wertvoll oder brauchbar gewesen wäre.
Ein gestreiftes, lausiges Stückchen Stoff, denkt sie, das einzige, was mir meine noch lausigeren Eltern hinterliessen. (...)
Trotzdem trägt sie den Sack immer bei sich. Man könnte meinen, du seist mit diesem hässlichen Ding verwachsen, hatte die Tante letztens zu ihr gesagt, (...)
Es war die Stimme einer Frau.
«Du kannst lange Warten und hoffen – auch wenn du es tust, die Angst wirst du damit nicht los.»
Am Wochenende und Anfangs Woche bin ich oft in meinem Zimmer rumgehangen, habe geschrieben, ein paar Mal ging ich nach draussen um zu fotografieren, meist aber war das Wetter dafür doch zu kalt.
Wahrscheinlich hat meine Tante nicht unrecht. Ich sollte mehr an meine Zukunft denken. Obwohl; eigentlich denke ich ja ständig an meine Zukunft. Das ist ja gerade das Problem. Das ist ja gerade der Grund, weshalb ich so oft nicht schlafen kann.
Diese Augen, diesen Blick, den kennt sie doch. Nur woher? (...)
Sie hatte sich geschworen, nicht wieder herzukommen. Sie hatte den Termin nicht in ihre Agenda eingetragen gehabt, sie hatte versucht nicht daran zu denken, sie hatte versucht diesen Tag zu übergehen, aber nichts hatte geholfen. Im Gegenteil. Je mehr sie versucht hatte, so zu tun, als gäbe es ihn nicht, desto mehr hatte sie daran gedacht, hatte sich der Termin ihr aufgedrängt. Und jetzt war sie doch hier.
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Von links oben nach rechts unten:
La Rotonde, Biel / Christliche Kirche in St.Petersham, London West / Verschollenes Bild der Eltern / Karte Winterthur
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Verrückt
Ein Gedicht vom 01.10.2010 (nach meinem Besuch bei Herrn Schmitt und eben diesem Erlebnis im Bus).
Heute habe ich eine Frau gesehen,
die stieg am „Place Guisan“ in den Bus
und brachte mich entsetzlich durcheinander.
Denn eine Frage kam heute in mir auf,
nur wegen ihr.
Die Luft war kalt an diesem Nachmittag,
weil es Herbst ist, Winter wird und weil es regnete.
Und ich sass im Bus und ich fühlte mich zu jenem Zeitpunkt schon nicht gut,
aber das tut jetzt an und für sich nichts zur Sache.
Denn diese Frau, sie setzte sich neben mich und redete von einer Entführung.
Und diese Frau, das muss auch noch gesagt sein, die trug:
einen hässlichen bunten Umhang,
einen hässlichen bunten Rock,
einen hässlichen bunten Hut.
Und eben diese Frau,
sie setzte sie neben mich,
sie sah absolut verrückt aus mit ihren Kleidern und den geschminkten Augen,
und ich behaupte, sie war auch tatsächlich, denn
sie erzählte mir von einer Entführung.
Sie sprach von einer anderen Frau, die hinten im Bus sass,
von einer Frau mit einem Kind,
und sie sagte, dass eben diese Frau gar nicht die Mutter eben dieses Kindes sei.
Eine falsche Mutter sei die, mit einem falschen Kind.
Die ist wirklich verrückt, dachte ich,
diese Frau mit den hässlichen Kleidern ist verrückt.
Und was habe ich nur verloren in dieser Welt,
fragte ich mich da auf einmal und ich wandte mich von ihr ab.
Ich schaute durchs Busfenster auf die verregnete Fahrbahn.
Wieso sagen mir stets alle, dass ich verrückt sei?
Nur weil ich manchmal klaue,
nur weil ich oft allein sein will,
und ab und zu wütend bin.
Wieso sagen sie mir alle, dass ich verrückt sei, wo es doch noch so viele andere Verrücktheiten gibt?
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Jetzt, wo sie tatsächlich doch da sitzt und auf die kleinen runden braunen Steinchen starrt, die den Stamm der Zimmerpalme umzingeln, muss sie daran denken, wie sie damals zu ihrem Namen gekommen war. Etwa 14 Jahre alt war sie gewesen, ein paar Jährchen jünger als jetzt. Welche Maus ist denn da am Werk gewesen, hatte ihr Onkel von ihr wissen wollen, als er aus der Backstube kam und auf das Blech mit den zerzupften Rosinenbrötchen sah. Folglich hatte er sie ab dem Tag nur noch so genannt – Maus – in fast zärtlichem Tonfall allerdings, ganz im Gegensatz dazu wie es später ihre Tante tat.
Sie blickt zur Uhr hinauf, die oberhalb des gerahmten Klecksbildes tickt. Ihr bleiben noch ungefähr fünf Freiheitsminuten. Sie spürt, wie sie nun doch langsam nervös wird, das hätte sie nicht von sich gedacht. Mit ihren Fingern beginnt sie einen Takt an die Unterseite des Stuhls zu trommeln, aber es bringt keine wirkliche Ablenkung. Daraufhin versucht sie es mit einer der Zeitschriften. Als sie bemerkt, dass auch lesen nicht hilft, greift sie kurzentschlossen nach ihrem blauweissen Seesack, springt auf und huscht nochmals zur Tür raus. Toilette? Einfach nur den Gang entlang, dann zweite Tür links, flötet ihr das Empfangsfräulein entgegen.
Als erstes öffnet Maus das Spiegelschränkchen oberhalb des Lavabos. Sie entscheidet sich für zwei der in lindgrünem Plastik verpackten Handseifen, eine Tube Haargel und eine Faust voller Wattestäbchen. Zackzack geht das – und die Sachen sind irgendwo auf Grund ihres Seesackes versunken. Bitte, Spannung lass nach, denkt sie. Maus atmet tief durch. Tatsächlich – schon bedeutend besser, stellt sie nach einigen Sekunden fest. Das Kribbeln, das zuvor noch ihren Körper beherrscht hatte, ist nun verschwunden.
Maus lässt das Schränkchen wieder zuschnappen und wirft einen Blick in den Spiegel. Scheisse aber auch, zischt sie sich entgegen und beginnt an ihren roten, kurzen Haaren rumzuzupfen. Das macht sie lange und ausgiebig und währenddessen überlegt sie sich, wie dieser Herr Schmitt wohl aussieht. Jetzt tu nicht so, hört sie in dem Moment in Gedanken zudem wieder ihre Tante sagen, deiner Cousine Nadine hat er immerhin helfen können. Wer`s glaubt wird selig, denkt Maus. Nadine hatte doch im Grunde noch immer denselben Dachschaden wie vor einem Jahr. Wunder schien Herr Schmitt also keine bewirken zu können. Maus stellt ihn sich dick vor, mit fleischigen Schweisshänden. Und sie tippt auf Glatze. Und Brille. Aber wie auch immer – eigentlich spielte es keine Rolle. Sie würde sich nach dieser Sitzung heute sowieso kein zweites Mal mehr blicken lassen.
Sie blättert darin. Nur wenige Seiten sind mit Notizen gefüllt, ein Grossteil des Heftes ist leer. Sie könnte es für ihr eigenes Schreiben benützen. Hhm, wieso eigentlich nicht, denkt Maus und lässt das Ding in ihrem blauweissen Seesack verschwinden. Kurz daraufhin hört sie Schritte, sie blickt auf und er steht vor ihr: Rundes Gesicht; Brille, die den Eindruck macht, als drohe sie sogleich von der Nasenspitze zu rutschen; trübe Augen; Glatze. Alles in allem sieht Aaron Schmitt ungefähr so aus, wie sie ihn sich vorgestellt hatte. Nur die braune Hose und die braune Veste stimmen nicht mit dem erwarteten Bild überein. Sie hatte ihn stets ganz in schwarz gekleidet vor sich gesehen, durch und durch intellektuell. Diese Ausgabe hier hingegen, kommt ihr nun schon fast etwas verstaubt vor.
«Alors, kleptomane?»
Sollte das jetzt eine witzige Begrüssung sein oder wie? Trotzig hält Maus seinem Blick stand.
«Ja», sagt sie kurz und knapp.
«Interessant. Schwierig, schwierig ...Bitte nicht stehlen hier!»
«Jetzt? Nein!», lächelt sie ihm verschmitzt entgegen.
«Wann haben Sie angefangen zu stehlen?»
Maus greift sich seitlich an den Kopf, zwirbelt eine rote Haarsträhne um ihren Zeigefinger, lässt sie wieder fallen, zieht ihre Tasche näher zu sich ran, verschränkt die Arme vor der Brust.
«Ich weiss nicht», beginnt sie zögernd, «ich weiss nicht, ob man es stehlen nennen kann... Es ist mehr... eine Art... Sammeln.»
«Könnten Sie sich in dem Fall keine Briefmarkensammlung zulegen statt zu stehlen?»
Briefmarken – war das jetzt sein Ernst? Dieser verstaubte Clown.
«Briefmarken interessieren mich nicht ...», sagt sie und zögert dann einen kurzen Moment lang, weil sie sich überlegt, dass sich eine Briefmarkensammlung allenfalls doch ganz gut weiterverkaufen liesse.
«Jedenfalls nicht im Speziellen.»
Schmitt runzelt die Stirn. «Haben Sie denn das Gefühl, dass Ihnen etwas fehlt?»
Geld, Glück, Ferien, Freizeit, eine eigene Wohnung, Talent, Kleider, Eltern und so weiter, schiesst es Maus durch den Kopf.
«Nein, nicht wirklich.» Sie spricht mit bewusst ruhiger Stimme.
«Wie fühlen Sie sich denn jetzt im Moment?»
Maus zögert mit der Antwort. Wie sie sich fühlt? Wann hatte sie das zuletzt jemand gefragt? Das überlegt sie sich, während sie auf die gerahmte Urkunde hinter Schmitts Kopf starrt. Erst nach einer Weile nimmt sie wahr, was dort überhaupt geschrieben steht: Aaron Schmitt, Diplom Psychoanalytiker, mit Vertiefung in Zwangsneurotik. Ach, denkt sie, immerhin hat er es zu was gebracht. Ganz im Gegensatz zu mir. Ich, ich bin noch nicht mal soweit, dass ich wüsste, was ich studieren sollte. Vielleicht bin ich ja nicht mal dumm, mag sein. Aber gleichzeitig habe ich auch für nichts wirklich Talent. Nicht genügend jedenfalls. Wie ich mich wohl bei alledem fühle?
«Normal.», lügt sie seinem forschendem Gesicht entgegen.
«Was meinen sie damit, normal? Normal? Wollen Sie mich in dem Fall bestehlen?»
Nur einen ganz kleinen Moment lang könnte Maus platzen vor lauter Schadenfreude. Sie befühlt das Heft durch den Stoff ihrer Tasche.
«Nein, nicht nötig.», antwortet sie.
«Gut. Also ...Dann möchte ich jetzt, dass Sie sich auf das nächste Mal überlegen, weshalb Sie stehlen. Und ich möchte, dass Sie jedes Mal bevor Sie etwas stehlen wollen, sich die Person vor Augen führen, die Sie gerade vorhaben zu bestehlen und sich dann überlegen, ob es tatsächlich nötig ist. Abgemacht?»
Hausaufgaben? Ist das so üblich bei Psychiatern?
«Wenn es denn sein muss.»
«Gut. Dann lassen Sie sich von Fr. Haggebutten einen Termin geben draussen und dann sehen wir uns wieder.»
Nichts wie raus hier ...
Begegnung zwischen Maus und Thomas (Maus' Version) :
... Nichts wie raus hier. Maus zieht die Tür hinter sich zu. Entschlossenen Schrittes geht sie den weissen Flur entlang und gräbt dabei schon mal nach dem Buch in ihrer Tasche; Schaum der Tage von Boris Vian. Sie würde lesen nachher im Bus. Nichts wünscht sie sich jetzt sehnlicher als aus dieser Welt zu verschwinden und abzutauchen in eine andere. Der Umgang mit Buchstaben und fiktiven Charakteren ist ihr bedeutend lieber und fällt ihr auch weitaus leichter als derjenige mit wahrhaftig existierenden Lebewesen.
«Ah! Vous lisez ça?», durchbricht eine Stimme ihre Gedanken. «C`est certainement un des plus beaux romans que j`ai lu récemment.»
Erschrocken wendet Maus den Kopf. Die Tür des Wartezimmers steht offen. Grosse blaue Augen sehen sie an. Redet der mit mir oder wie? Sie zweifelt, zögert, aber dann bleibt sie stehen. Und als ob der Unbekannte ihre Frage erraten hätte, hebt er seinen Arm, zeigt auf das zerfledderte Buch in ihrer Hand.
«Uh!», stösst sie hervor – unbeholfener als ihr lieb gewesen wäre. «Vraiment ... wirklich? Nun, ich bin noch nicht ganz durch».
«Ah, ich verstehe ...»
Was, fragt sie sich, was versteht er?
«Und ... ich habe dich hier noch nie gesehen, kommst du neu zu Herrn Schmitt?»
Maus runzelt die Stirn. Sie wüsste nicht, was ihn das angehen würde. Und überhaupt; neu zu Herrn Schmitt kommen? Die Selbstverständlichkeit, die in dieser Formulierung steckt, kommt ihr suspekt vor. Klingt schon fast so, als wäre der Typ schon ewig in Behandlung, denkt sie. Was es wohl war in seinem Fall? Depression? Manie? Drogen? Wahnvorstellungen? Aber wo sie ihn sich jetzt genauer ansieht, traut sie ihm eigentlich nichts von alle dem so richtig zu. Er hat einen drei Tagebart, seine dunklen Haare sind etwas nachlässig frisiert, unter seinen Augen liegen Schatten. Wahrscheinlich schläft er nicht allzu viel, vermutet Maus, aber sein Gesicht ist freundlich und wirkt trotz allem offen und wach. Wie einer, der vollständig eins an der Waffel hätte, sieht er ihrer spontanen Einschätzung nach jedenfalls nicht aus.
«Sozusagen. Es ... es war meine erste Sitzung.», gibt sie zur Antwort. «Und die letzte.»
«Ja, ich verstehe.»
Schon wieder versteht er. Erstaunlich – aber wenn er meint.
«Er ist ein bisschen komisch», fährt er fort, «aber ich finde genau das gleichzeitig auch beruhigend.»
Viel fällt ihr zum Thema Aaron Schmitt nicht mehr ein: «Hm. Oui.»
«Vielleicht können wir eines Tages ein Glas zusammen trinken?»
Maus schluckt. Etwas in ihr krampft sich zusammen, sie spürt, wie sie unruhig wird.
«Ein Glas was?»
Fast möchte sie sich die Hand vor den Mund halten. Sie bemerkt, dass ihre Stimme zu laut klingt und der aggressive Tonfall, der darin mitschwingt, erschreckt sie selbst. Hast dich mal wieder nicht unter Kontrolle. Reiss dich zusammen Mädchen, schimpft sie innerlich mit sich. Musst ja nicht Ja sagen, wenn du nicht willst. Sowieso musst du überhaupt gar nichts. Niemand zwingt dich zu irgendetwas.
«Ich ...nun ... ich weiss nicht. Vielleicht.»
«Wie du willst! Fühl dich nicht gezwungen!» Das sagt er, wobei er ihr gleichzeitig nett lächelnd Zettel und Stift entgegenstreckt. «Schreib mir hier deine Nummer auf.»
«Meine Nummer?»
Maus hält einen Moment lang inne. Na schön, denkt sie dann, was soll`s und nimmt Papier und Kugelschreiber entgegen. Hauptsache endlich weg hier. Wird schon nicht anrufen, der Typ. Hastig notiert sie ihre Handynummer und gibt ihm die Schreibutensilien zurück. Er lächelt. «Ok ... voilà. Dann ciao», stösst sie zum Abschied hervor.
«Bis bald!» Er strahlt noch immer. Sie hat jetzt so gut wie keine Zweifel mehr; sie weiss, sein Lächeln gilt ihr.
Als Maus das Gebäude verlässt allerdings, an die frische Luft gelangt, fällt ihr ein, dass er sie nicht mal nach ihrem Namen gefragt hatte. Mistkerl. Aber von mir aus, auch gut, sagt sie sich, zieht die Jackenärmel bis über ihre Fingerkuppen, verschränkt die Arme vor der Brust und bewegt sich in Richtung Bushaltestelle.
Alles, was ich von meinen Eltern weiss, weiss ich von Tante Henriette und was ich von dieser weiss, ist leider nicht allzu viel. Wir haben ein einziges Mal darüber gesprochen. Ich erinnere mich jedoch noch genau daran. Es war an meinem zehnten Geburtstag, als meine Tante mir offenbarte, dass sie nicht meine richtige Mutter und Onkel Paul nicht mein richtiger Vater sei. Es war daran kalt zu werden, meine Tante und ich liefen durch die Stadt, durch die General-Dufour-Strasse, meine Tante wollte Winterschuhe mit mir kaufen.
Von meinem richtigen Vater weiss ich, dass er aufgrund seines Berufs ziemlich viel gereist ist. Wien, Berlin, St. Petersburg, London, Amsterdam, hat Tante Henriette damals gesagt. Aber auch im Westen soll er sich häufig aufgehalten haben. Amerika. Boston, Chicago, New York.
Mein Vater sei Musiker gewesen, Pianist. Engländer ausserdem, sagte meine Tante, und ein grosses Talent – ziemlich erstaunlich eigentlich, wenn man bedenkt, dass ich noch immer nicht weiss, welches denn mein Talent sein soll. Er hätte in guten Orchestern und in einigen der grossen Hallen der Welt gespielt, meinte sie weiter. Leider habe ich ihn noch nie spielen hören. Ich kenne noch nicht mal seinen Namen. Tante Henriette hatte ihn damals nicht erwähnt und ich war in dem Moment wohl zu überrascht um danach zu fragen. Später dann fehlte mir der Mut dazu.
Ich habe also englische Wurzeln, die ich nicht kenne.
Auch meine Mutter kenne ich nicht. Nur dass sie gemalt, aber kaum je was verkauft hat, weiss ich, und dass sie in einen Künstlerhaus in Winterthur an der Thur lebte und sich, wie es meine Tante nannte, von meinem Vater hat «aufgabeln» lassen, als dieser sich einer Tournee wegen gerade in der Schweiz aufhielt. Getroffen hätten sich die beiden hier in Biel im Café La Rotonde. Meine Mutter sass allein an einem der Tische und trank etwas, danach wollte sie ihre Schwester besuchen. Was mein Vater hingegen während seines Aufenthalts hier in dieser grauen Stadt verloren hatte, ist mir ein Rätsel. Meine Mutter hätte ihren Weisswein über den ganzen Tisch verschüttet.
Das wenige, was meine Tante weiter über meine Mutter sagte, war nichts Gutes. Sie meinte, ihre Schwester sei eine Tyrannin gewesen. Mit tiefen Abgründen und einem Hang zum Flüssigen. Meine Mutter hätte nie viel zustande gebracht, im sich selber Probleme schaffen allerdings sei sie äusserst erfolgreich gewesen. Vielleicht bin ich ihr ähnlich.
Ich wüsste gerne mehr über meine Mutter. Wie die Bilder aussahen, die sie malte oder wie sie selbst überhaupt ausschaute. Tante Henriette behauptet, sie besitze keine Fotos mehr von früher, die wären allesamt in Unterägeri im Kanton Zug, im Haus ihres Bruders, aufbewahrt gewesen. Das Haus sei vor gut 7 Jahren niedergebrannt.
Die blauweiss gestreifte Stofftasche ist das einzige, was mir von meinen Eltern noch bleibt. Genauer gehörte sie meiner Mutter. Meine Tante sagte, sie hätte sie bei sich getragen, an dem Tag, als sie mit meinem Vater nach Petersham, London West, reiste um sich dort mit in einer christlichen Kirche mit ihm zu verheiraten. Meine Tante sagte, meine Mutter hätte zuvor stets über Gott geflucht.
Als dieser eine Tag kam, waren wir gerade hier in der Schweiz. Ich war in der Nähe, aber nicht dabei. Onkel und Tante hatten versprochen auf mich aufzupassen. Ich hockte hier in ihrer Wohnung, an der Korngasse 5 in Biel, nachdem mein Vater entschieden hatte, trotz des schweren Schneefalls mit Onkels Auto und nicht mit dem Zug nach Klosters zu fahren. Alles war gebucht. Meine Eltern sehnten sich nach ein paar ruhigen Tagen in einem ruhigen Mittelklasse Hotel, sagte meine Tante, nach ein paar Tagen nur für sich.
Nach der Sitzung bei Herrn Schmitt und der Begegnung dem unbekannten Mistkerl im Wartezimmer ist Maus ziemlich in sich selbst versunken. Sie sitzt im Bus, in der Nähe der Tür, starrt aus dem Fenster und lässt die verregnete graue Stadt an sich vorbeiziehen. Obwohl Maus ihre grossen Kopfhörer aufhat, vernimmt sie das Geschrei eines Kindes und das Geschimpfe einer Mutter hinter sich.
Ruckartig hält der Bus an der nächsten Station. Die Tür öffnet sich, nur eine einzelne Person steigt zu. Place Guisan. Die Frau ist mittleren Alters und sehr dick. Ihre Kleidung – Umhang und weiter Rock – sehen aus wie aus bunten Topflappen zusammengenäht. Auf ihrem Kopf sitzt eine nicht weniger befremdende Stoffmütze. Das Gesicht der Frau ist stark geschminkt, der Mund ist dunkelrot und gross, die Augen schwarz umrandet. Die Unbekannte steigt gemächlich in den Bus, irgendwas vor sich hinnuschelnd, dann sie sieht sich um, schreitet weiter voran und setzt sich auf den freien Platz neben Maus. Eine Verrückte – muss das denn nun auch noch sein, denkt die und quetscht sich noch ein Stück näher in Richtung Fenster. Maus mag es grundsätzlich nicht, wenn ihr Menschen zu nahe kommen. Die Türen schnappen zu, der Bus setzt sich wieder in Bewegung, im Hintergrund schreien noch immer das Kind und die Mutter. Was ist denn heute nur los, was für ein elender Scheisstag! Maus lässt sich tiefer in den Sitz sinken.
«Hey, Sie», wendet sich die Topflappenfrau nun auf einmal flüsternd an sie.
«Wie bitte?» Maus nimmt die Kopfhörer ab.
«Hören Sie junge Dame, diese Frau da hinter uns und dieses Kind ... da stimmt was nicht. Das ist gar nicht das Kind dieser Frau, das hat die nur entführt.» Maus schweigt und staunt. Über solche Dinge würde sie nachher wieder nachdenken und schreiben müssen, das ist ihr jetzt schon klar. Und wahrscheinlich würde sie auch heute wieder nicht gut einschlafen können, so viel wie ihr zurzeit durch den Kopf geht.
An der Haltestelle BBZ Biel steigt Maus aus dem Bus. sie geht am Schulhaus vorbei, biegt ein in den kleinen Weg, kramt in der Tasche nach dem Schlüssel, betritt das Haus, Korngasse Nummer 5. Sie geht die Treppe hoch, 2.Stock, und schliesst die Tür hinter ab. Um diese Uhrzeit ist es ruhig. Alle sind bei der Arbeit, auch Onkel Paul und Tante Henriette. Henriette hilft heute im Laden aus. Maus geht nach oben in ihr Zimmer. Sie nimmt das rote Notizbuch aus ihrem Seesack, schlägt es auf, setzt sich an ihren Schreibtisch. Sie beginnt zu schreiben, sie schreibt: VERRÜCKT
Es ist 21 Uhr, draussen ist es dunkel. Im Haus an der Kornstrasse 5 in Biel ist es ruhig, Onkel Paul und Tante Henriette schlafen bereits. Maus liegt auf dem Bett, die Decke über sich gelegt. Sie hat die Kopfhörer auf und ein Buch in der Hand, aber es gelingt ihr weder sich auf den Text noch auf die Musik wirklich zu konzentrieren. Ihre Gedanken kreisen um ganz andere Dinge. Nach einer Weile wird es ihr zu bunt. Genervt macht sie den iPod aus, nimmt die Kopfhörer ab und legt das Buch zurück auf den Nachttisch. Maus rollt sich aus dem Bett. Sie fröstelt, ohne die Decke ist es im Zimmer ziemlich kalt.
Maus geht hinüber zum Wandschrank, sie greift nach dem Schlüssel, der unterhalb des Möbels am Boden klebt und öffnet eine der grossen Schubladen. Holz, Plastik, Metall, Wolle, Stoff; sie fährt mit ihren Fingern über die Oberfläche der Dinge. Ein paar der Sachen nimmt sie schliesslich heraus; die Uhr, die ihrem einstigen Deutschlehrer gehört und der sie stets für ihre Aufsätze gelobt hatte, die zwei winzigen goldenen Ohrstecker ihrer verstorbenen Grossmutter, Mias kleine Kompaktkamera, Nadines rote Handschuhe, Tante Henriettes Lieblingskette mit den farbigen Glasperlen, ein Foto von Onkel Paul aus jüngeren Tagen. Das sind die einzigen Dinge, deren Besitzer sie kennt. Sonst ist da nichts. Nichts, was in irgendeiner Form besonders wertvoll oder brauchbar gewesen wäre. Und auch nichts Weiteres von ihren Eltern. Ein paar DVDs und CDs sind noch darunter, die Maus zwar mag, sich aber doch nur selten anschaut oder anhört. Ansonsten nur lauter Kleinkram, Gerümpel. Maus seufzt und legt die herausgenommenen Sachen zurück. Der Ausdruck auf ihrem Gesicht ist ernst. Regungslos starrt sie hinein in die bis obenhin gefüllte Schublade. Ausser ihrem eigenen Atem ist im Zimmer nichts zu hören.
Der Bus Nr. 1 Richtung Bözingen lässt mal wieder auf sich warten. Es ist saumässig kalt, vor dem Wartehäuschen am Kreuzplatz peitscht der Regen auf den Asphalt. Maus sitzt auf der Holzbank, den Seesack in ihrem Schoss. Sie starrt auf die blauweissen Streifen. Ein gestreiftes, lausiges Stückchen Stoff, denkt sie, das einzige, was mir meine noch lausigeren Eltern hinterliessen.
Trotzdem trägt sie den Sack immer bei sich. Man könnte meinen, du seist mit diesem hässlichen Ding verwachsen, hatte die Tante letztens zu ihr gesagt, wie wäre es, wenn du dir mal was Anständiges kaufen würdest, eine schicke Damenhandtasche zum Beispiel oder zumindest einen praktischen Rucksack?
Wieso das denn, hatte Maus zurückgegeben, die Tasche ist praktisch und da passt alles rein, was ich tagsüber so brauche.
Momentan befinden sich folgende Dinge in Maus Seesack:
-die bei Herrn Schmitt gestohlenen Toilettenartikel
-Notizbuch
-Maus momentane Lektüre: «Der Schaum der Tage» von Boris Vian (frz. Titel: «L´Ecume des Jours»)
-ihr i-pod und ihre Kopfhörer
-der Zettel mit Herrn Schmitts Adresse
-ein Kugelschreiber
-ein angebissenes Rosinenbrötchen in einer Papiertüte verpackt
-Handy
-Portmonnaie
-rotes Notizbuch / Tagebuch
-Kamera
und etwas später ...
-Aarons Heft
Abrupt blieb sie stehen. Sie ging die paar Schritte zum Antiquariat zurück. Ohne selber zu wissen weshalb genau, hatte sie plötzlich das dringende Gefühl, es sich genauer ansehen zu müssen.
Ihre Nasenspitze berührte fast das Glas. Sie bemerkte, dass ihre Hände zitterten. Es stand in der Auslage des Schaufensters, auf einer dunklen Kommode aus edlem Holz, neben einer Zigarrenschachtel und einem Grammophon. Das Porzellanweiss, die Goldverzierungen und die Rosen an der Seiten der Drehscheibe, auf dem Dach und um die Körper der Pferde, die kleinen leuchtenden roten Steinchen. Was für ein Bild des Kitsches! Sie hatte doch sonst nie einen Hang zu solchen Dingen gehabt, was war denn nun auf einmal mit ihr los? Sie konnte nirgendwo ein Preisschild entdeckten, aber bestimmt war das Karussell sehr wertvoll. Sie fragte sich, wem es wohl einst gehört hatte. Vielleicht war es die Kindheitserinnerung einer alten Frau, die jetzt gestorben war und jemand hatte das Ding genommen und es hierher gebracht. Sie hatte nie mit solchen Sachen gespielt. Nicht dass es sie besonders interessiert hätte, aber sie hatte Gegenstände dieser Art schlichtweg nie um sich gehabt. Puppen oder so was, das hatte sie nie geschenkt gekriegt. Wenn sie jetzt an ihre Kindheit zurückdachte, erinnerte sie sich an die Tage, die sie in der Bäckerei verbracht, oder an die langen Spaziergänge, die Onkel Paul mit ihr unternommen hatte.
Im hinteren Teil des Ladens brannte Licht. Es war niemand zu sehen, aber an der Tür hing ein gelbes Schild, «heute offen». Es wäre einfach, dachte sich Maus. Das Karussell stand in der Nähe der Tür und bestimmt gab es in Läden wie diesem noch keine Kameras.
Sie stieg den kleinen Treppenabsatz herauf. Als die Stimme an ihr Ohr drang, berührte ihre Hand gerade die Klinke der Ladentür. Es war die Stimme einer Frau.
«Du kannst lange warten und hoffen – auch wenn du es tust, die Angst wirst du damit nicht los.»
Maus zuckte zusammen, aber sie drehte sich nicht um. Ihr war auf einmal heiss und sie bemerkte, wie ihr das Blut ihr in den Kopf schoss. Fast hatte sie das Gefühl zu taumeln. Ihre Gedanken begannen zu rattern. Wer war das? Die Stimme hatte weder besonders jung noch besonders alt geklungen. Aber sie hatte keine Ahnung, nein, sie war sich ziemlich sicher, sie kannte die Stimme nicht. Einfach nicht umdrehen, dachte sie in sich hinein. Einfach nicht umdrehen, nichts sagen, einfach nur warten bis der Moment vorbei ist. Maus starrte auf ihre rechte Hand, die noch immer auf der Türklinke lag. Dann schloss sie die Augen.
Erst als sie sich ganz sicher war, dass sie keine Schritte mehr hörte, drehte Maus sich um. Ihr ganzer Körper fühlte sich steif an, aber ihre Hände waren kalt und zittern noch immer. Sie ging in die Knie und setzt sich auf die unterste Treppenstufe vor der Ladentür.
Eintrag vom 29. Oktober 2010
Nun liegt der Besuch beim Psychiater schon fast eine Woche zurück und ich hirne komischerweise immer noch häufig an diesen Tag herum: All die Fragen, die mir Schmitt gestellt hat, dann die Begegnung mit dem Fremden im Wartezimmer und später mit der verwirrten Frau im Bus. Irgendwas war an diesem Tag, das mich noch mehr aufgewühlt hat, als ich es zuvor schon gewesen bin. Ich mache mir seither unendlich viele Gedanken darüber, wie es mit mir weitergehen soll. Irgendwie würde ich gerne damit anfangen anders zu leben, wobei ich selbst aber doch keine so genauen Vorstellungen davon habe «wie» dieses «anders» denn eigentlich sein soll – geschweige, dass ich überhaupt wüsste, wo ich mit dem Anfangen überhaupt beginnen sollte.
Ansonsten aber ist seitdem – seit letztem Freitag – nicht wirklich viel geschehen – jedenfalls nichts Spektakuläres. Am Wochenende und Anfangs Woche bin ich oft in meinem Zimmer rumgehangen, habe geschrieben, ein paar Mal ging ich nach draussen um zu fotografieren, meist aber war das Wetter dafür doch zu kalt.
Die letzten zwei Tage über konnte ich arbeiten: Gestern habe ich meinem Onkel in der Bäckerei ausgeholfen, am Zentralplatz, und heute früh bis kurz nach vier Uhr nachmittags als Zahnpastatube verkleidet am Bahnhofsplatz Flyer und Gratisproben verteilt. Was für ein beschissener Job (Letzteres)! Wie lange ist das nun schon her, seit ich mir vorgenommen habe, was anderes zu suchen? Ausserdem; allem Anschein nach ist es nicht gerade die Jahreszeit, wo sich die Menschen besonders für Zahnpflegeprodukte interessieren – es geht gegen Winter zu, die Leute reden weniger und lachen seltener.
Übrigens habe ich vorhin mal wieder die Schublade geöffnet und bin erschrocken. Aber immerhin habe ich seit zwei Tagen nichts mitgehen lassen.
Wahrscheinlich hat meine Tante nicht unrecht. Ich sollte mehr an meine Zukunft denken. Obwohl; eigentlich denke ich ja ständig an meine Zukunft. Das ist ja gerade das Problem. Das ist ja gerade der Grund, weshalb ich so oft nicht schlafen kann.
Aber soll ich denn machen? Da ist nichts, worin ich besonders gut wäre. Ich lese, ich bloge, schreibe meine komischen Texte und Gedichte, ich fotografiere ein bisschen, ich bin nicht allzu schlecht im Lügen, stehlen kann ich, aber was soll ich anfangen damit? Ich bezweifle, dass es für mein seltsames Profil einen passenden Beruf gibt!
Manchmal frage ich mich, wie es wäre, wenn meine Eltern nicht weg wären. Vielleicht wäre es anders. Besser.
Dann stelle ich mir vor, wir würden in einem Haus wohnen, vielleicht irgendwo am Rande von Biel, vielleicht sogar lieber in Bern. Ich hätte einen Bruder, vielleicht eine Schwester, aber ganz sicher einen Hund. Meine Eltern würden mich unterstützen in all meinen Plänen (die ich zur Zeit zwar nicht kenne, aber egal ...). Obwohl; vielleicht würde ich doch nicht mit meinen Eltern in einem Haus wohnen, sondern ich hätte ein kleine Wohnung, nur für mich. Aber ich würde meine Familie oft besuchen und umgekehrt sie mich auch. Weihnachten und all diese Dinge, würden wir natürlich zusammen verbringen.
Vielleicht wäre dann auch die Sache mit der Klauerei anders. Ich wäre nicht so nervös, weniger angespannt als ich es jetzt manchmal bin, vermutlich. Diese Angst, die mich oftmals so plötzlich überkommt – vielleicht würde die gar nicht existieren.
Es ist schlimm. Wirklich. Gerade heute, als ich mal wieder vor der Kiste mit all den Sachen gestanden habe, wurde es mir bewusst; all das unnütze Zeug. Spielsachen, Sonnenbrillen, Make-up, Zuckerstreuer, Kaffeelöffel, Aschenbecher, Haarklammern, Papier, Schokolade, Toilettenartikel und so weiter ... lauter Krimskrams. Okay; einige Bücher, CDs und DVDs sind noch darunter, ausserdem die Kamera, aber ansonsten – was soll ich damit? Manchmal kommt es mir vor, als wäre in jenen bestimmten Momenten gar nicht ich am Werk, sondern irgendwer anders ... Aber das, das kann leider gar nicht sein, denn genau das ist ja auch so ein Punkt: «Irgendwer anders» ... ich habe niemanden anders. Du musst halt sehen, wie du zurecht kommst, wenn du weiterhin so isoliert durch die Welt stolpern willst, hat meine Tante letztens zu mir gemeint. Dabei weiss ich ja manchmal gar nicht, ob ich das wirklich will – so alleine durch die Welt stolpern – ich weiss nur, dass ich es tue aus irgendeinem Grund.
Fotografin wäre eigentlich ein super Beruf, dann würde ich wenigstens mal ein bisschen was von der Welt sehen, so wie mein Vater, der anscheinend eine Zeitlang ziemlich viel rumgereist ist. Ich will schon lange von hier weg und ich mag es zu fotografieren. Es macht mir Spass, aber ich glaube nicht, dass ich gut genug darin bin um wirklich Fotografin zu werden. Mia aus meiner alten Klasse wird Fotografin und die ist absolut super im fotografieren, aber sogar sie sagt, die Ausbildung sei verdammt schwer. Trotzdem hätte ich nichts dagegen ihr Talent zu haben.
Vielleicht sollte ich ganz einfach Schauspielerin werden. Das war so ein Gedanke, der mir letzthin kam. Natürlich eine Schnappsidee, denn ich habe viel zu wenig Mut, aber .... im Grunde:
Ich würde gerne aus meiner eigenen Haut fahren, in eine andere Rolle hineinschlüpfen, wenn das nur irgendwie möglich wäre.
Ich bin nicht schlecht im Lügen, wieso sollte ich nicht auch gut darin sein etwas vorzuspielen? Und ich glaube, es würde mir leicht fallen Texte zu lernen. Ich lese viel und manchmal, wenn ich im Bus sitze oder durch die Stadt schlendere, erinnere ich mich ganz plötzlich an ganze Passagen, die ich irgendwann mal vor mir hatte. Vielleicht sollte ich wirklich anfangen das zu üben. Vielleicht sollte ich üben Texte zu sprechen, hier in meinem Zimmer, vor dem Spiegel ... Wenn ich den Mut dazu hätte, würde ich irgendeiner Gruppe beitreten ... beim Theater oder so. Aber ich weiss nicht. Und wahrscheinlich würde es sowieso viel zu lange dauern, bis ich wirklich gut genug darin wäre.
Vielleicht sollte ich besser einfach nur die Texte schreiben und sie nicht selber vortragen. Ich könnte Szenen schreiben und jemand anders würde sie dann für mich umsetzen. Beim Schreiben muss man wenigstens nicht vor Leuten sprechen, das ist besser ... Ich müsste einen Filmemacher kennen, vielleicht.
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Die Türfalle ist kalt, das macht alles nicht besser, widerwillig drückt Maus sie herunter. Sie betritt den Flur. Wenigstens ist es warm hier drin. An der Garderobe neben dem Eingang zieht sie ihren Mantel aus. Verdammt noch mal, denkt sie in sich hinein, als sie hinunter auf ihre Schuhe blickt, wieso bin ich eigentlich hier? Sie hatte sich geschworen, nicht wieder herzukommen. Sie hatte den Termin nicht in ihre Agenda eingetragen gehabt, sie hatte versucht nicht daran zu denken, sie hatte versucht diesen Tag zu übergehen, aber nichts hatte geholfen. Im Gegenteil. Je mehr sie versucht hatte, so zu tun, als gäbe es ihn nicht, desto mehr hatte sie daran gedacht, hatte sich der Termin ihr aufgedrängt. Und jetzt war sie hier. Maus hängt ihren Mantel über den Bügel, nimmt ihre Tasche und geht in Richtung Empfang. Frau Hagebutten sitzt hinter dem Schreibtisch, nickt ihr zu. «Ach, Sie sind etwas früh da. Aber das macht nichts. Setzen Sie sich doch einfach noch einen Moment ins Wartezimmer. Ich habe gerade vorhin ein paar neue Zeitschriften ausgelegt.» Maus denkt: Ich habe nicht kommen wollen und jetzt bin ich sogar zu früh.
Als Maus das Wartezimmer betritt und in die blauen, verschlafenen Augen sieht, die auf sie gerichtet sind, ist sie verwirrt. Diese Augen, diesen Blick, den kennt sie doch. Nur woher? Sie überlegt, aber sie kommt nicht weit. Er nickt ihr zu und klopft auf den freien Stuhl neben sich. Was soll sie machen? Sich benehmen, wie ein kleines Kind und sich widerwillig irgendwo anders hinsetzten? Ausserdem ist ansonsten nur noch ein einziger Stuhl frei. Ausser dem Unbekannten, den sie irgendwoher kennt, sitzen da ein Mann und eine Frau nebeneinander. Sie ist gross und schlank. Sie hat die langen Beine übereinander geschlagen und ist in einer Zeitschrift vertieft. Er, ein durchschnittlicher Typ, hellbraunes Haar, Bart, normale Kleidung, hat die Hände im Schoss zusammengefaltet und den Blick gegen die weisse Wand gerichtet. Eine komische Kombination, denkt Maus. Der Gedanke sich zu den beiden rüber zu setzten, scheint ihr nicht angenehmer, als sich neben Unbekannten zu hocken, der sie in dem Moment nach ihrem Namen fragt.
Der Umgang mit Buchstaben und fiktiven Charakteren ist ihr bedeutend lieber und fällt ihr auch weitaus leichter als derjenige mit wahrhaftig existierenden Lebewesen.
Mein Vater sei Musiker gewesen, Pianist. Engländer ausserdem, sagte meine Tante, und ein grosses Talent – ziemlich erstaunlich eigentlich, wenn man bedenkt, dass ich noch immer nicht weiss, welches denn mein Talent sein soll. (...)
(...) Ich wüsste gerne mehr über meine Mutter. Wie die Bilder aussahen, die sie malte oder wie sie selbst überhaupt ausschaute. Tante Henriette behauptet, sie besitze keine Fotos mehr von früher, (...)
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Von links oben nach rechts unten:
die zwei winzigen goldenen Ohrstecker von Maus verstorbener Grossmutter / Mias Kompaktkamera / Nadines rote Handschuhe / Foto von Onkel Paul aus jüngeren Tagen
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Von links oben nach rechts unten:
Maus rotes Notizbuch / Kugelschreiber / Handy / iPod
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